Kantig drehen - geht denn das? Wendt und Kühn erklärt es!


Die Drechsler aus der Grünhainichener Manufaktur führen eindrucksvoll vor, wie die Harmonika des neuen Schwebeengels ihre Ecken und Kanten bekommt: mit dem historischen Verfahren des Kantigdrehens.

 

Die Entstehung der Harmonika - Wendt und Kühn.Drechseln und Drehen - bei diesen Technologien ist der Name eigentlich Programm. Denn was sich dreht, wird rund. Punktum. Doch diese landläufige Annahme hat ein paar Ecken und Kanten - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn als wir Drehereimeister Roland Stanzel und Drechsler Tino Epphardt bei der Herstellung der Harmonika des neuen Schwebeengels über die Schulter schauen, führen sie uns ein ungewöhnliches und heutzutage weitgehend unbekanntes Drechselverfahren vor: das Kantig- drehen.

 

 

 

 

 

Die Entstehung der Harmonika - Wendt und Kühn.Lässt man sich den Begriff auf der Zunge zergehen, fragt man sich, wie so etwas geht. Wie kann man Kanten drehen? Roland Stanzel schmunzelt und tritt an die Drechselbank, an der Drechsler Tino Epphardt schon eifrig arbeitet. Hier bietet sich ein wirklich einmaliges Bild: Eingespannt in eine rotierende Trommel warten 86 kantige Holzklötzchen darauf, von kunstfertiger Hand mit scharfem Drechseleisen in eine ganz besondere Form gebracht zuwerden. Die Falten des Blasebalges sollen in die Harmonika eingearbeitet werden. Tino Epphardt setzt das Eisen an, die Trommel beginnt sich zu drehen und mit zielsicherem Blick zieht er Furche um Furche in die Querflächen der Klötze (Foto 1). Vorher hat er mit einer Lehre die genaue Position der Rillen angerissen. Dreimal setzt er das Drechseleisen in jede einzelne Kerbe: Zuerst sticht er die Furche in der Mitte an, und dann geht er von links und rechts noch einmal in die Kerbe, um den Schnitt anzuschrägen. Wie tief er die Kerben einsticht, hängt dabei allein von seiner Erfahrung und seinem guten Augenmaß ab. „Reine Gefühlssache", sagt er und setzt das Eisen mit sicherem Blick in die nächste Kerbe.

 

 

Die Entstehung der Harmonika - Wendt und Kühn.Sicher, man könnte die Rillen auch fräsen - das wäre für viele Anwendungen heute das Verfahren der Wahl. Doch durch das Drechseln erfolgt der Schnitt quer zur Faser des Holzes. So sauber und gleichmäßig kann man die Oberfläche beim Fräsen selbst mit modernster Technik nicht bearbeiten. Und so setzen die Drechsler von Wendt und Kühn bei der Herstellung der Harmonika auf das uralte Verfahren des Kantigdrehens, das heute schon fast in Vergessenheit geraten ist. Früher wurde vieles auf diese Weise hergestellt - Tisch- und Stuhlbeine, Säulen, Treppengeländer. Alles eben, was eine kantige Form hatte und durch Rillen und Einkerbungen verschönert werden sollte. Gretes Vater Albert Wendt war es, der vor vielen Jahrzehnten den Vorschlag machte, das Kantigdrehen auch für Figurenteile von Wendt und Kühn zum Einsatz zu bringen. Und trotz aller modernen Entwicklungen ist dieses Verfahren auch heute noch nicht nur das sauberste, sondern auch das rationellste zur Herstellung der Harmonika. Die Effizienz erklärt sich daraus, dass mit einem Mal gleich 86 Hölzchen bearbeitet werden, aus denen jeweils vier Harmonikas geschnitten werden. So entstehen pro Arbeitsgang 344 Instrumente!

 

 

 

Die Entstehung der Harmonika - Wendt und Kühn.Hat Tino Epphardt die Kanten von einer Seite fertig bearbeitet, nimmt er die Hölzchen alle aus der Trommel und legt sie um 90 Grad verdreht wieder ein (Foto 2). Dann beginnt der Drechsler seine Arbeit von Neuem: Kerbe in der Mitte anstechen und dann von links und rechts leicht anschrägen. Insgesamt werden drei Seiten bearbeitet. Die vierte Seite des Blasebalges bleibt ohne Kerben. Sie wird sich später eng an das Engelshemdchen schmiegen und gleichzeitig bei der Montage als Klebefläche dienen. Hält der kleine Himmelsbote sein Instrument nach dem Verleimen endlich fest in beiden Händen, sieht das kantig gedrehte Stück Holz dank der abschließenden Bemalung einer echten Harmonika zum Verwechseln ähnlich - und es scheint, als könne man ihren himmlischen Klang vernehmen. Ganz ohne Ecken und Kanten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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